Grußworte an die Absolvent*innen der Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften

Liebe Absolvent*innen,

es ist mir eine große Freude, Ihnen, stellvertretend für alle Mitarbeiter*innen der Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften, zum Abschluss Ihres Studiums zu gratulieren.

 

Hinter Ihnen liegen mehrere Jahre des intensiven Studierens. Einige von Ihnen wechseln nun in ein weiterführendes Studium, andere in das Berufsleben innerhalb oder außerhalb der Universität.

Für uns alle war das vergangene Sommersemester 2020 ein besonderes. Die weltweite Pandemie hat uns abverlangt, auf räumliche Distanz zueinander zu gehen und in erheblichem Umfang digitale Formate im Studium zu wählen. Sehr vieles hatte sich damit für Sie verändert, am deutlichsten wohl das soziale Leben an der Universität und vor allem das Zusammensein mit Ihren Kommiliton*innen, was es kaum noch gab oder nur in sehr reduzierter Weise. Diese Situation hat gerade die intensive Abschlussphase Ihres Studiums getroffen. Das ist mehr als bedauerlich. Dennoch haben Sie die damit einhergehenden Herausforderungen erfolgreich bewältig. Auch hierzu möchte ich Sie herzlich beglückwünschen.

 

Ein Studium bedeutete für Sie als Studierende immer Verschiedenes: Anforderung und Stress, Prüfungen und die Bearbeitung von Lernstoff, manchmal vielleicht auch Langeweile oder genervt sein. Studium bedeutet aber auch das Erfahren von Neuem, von Spannendem, die Möglichkeit, sich neue Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten anzueignen und sich selbst darin weiter zu entwickeln. Es bedeutet auch mit anderen zusammen zu arbeiten, zu diskutieren, Lust am Denken und Freude an der Sache zu entwickeln.

Ich hoffe, dass bei Ihnen diese Leidenschaft für die Sache entfacht ist, eine Leidenschaft, die mutige Ideen und produktive Ergebnisse ermöglicht, Zufriedenheit hervorbringt, wenn eine Sache richtig gut gelungen ist und Durchhaltevermögen gibt in besonders anstrengenden Phasen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, dass in Ihrer persönlichen Bilanz die freudigen Seiten Ihres Studiums überwiegen und zugleich, dass Sie diese Leidenschaft und Freude an ‚Ihrer Sache‘ weiterhin begleitet.

 

Der Soziologe Heinz Steinert hat Mitte der 1990er Jahre einem seiner Texte die Überschrift gegeben: Genau hinsehen, geduldig nachdenken und sich nicht dumm machen lassen. Was hier als Leitmotiv reflexiver empirischer Forschung gedacht war, kann aus meiner Sicht ebenso für das Studium insgesamt und in Bezug auf den weiteren Umgang mit Wissen und Können in Ihrer Zukunft gelten:

 

- Genau hinsehen meint, die Inhalte, um die es in Ihren Studienfächern geht – in unserer Fakultät in der Geographie, dem Sachunterricht, der Politikwissenschaft, der Erziehungswissenschaft, der Psychologie, der Soziologie oder der Sportwissenschaft – genau und präzise zu betrachten. Es meint, die verschiedenen Facetten einer Sache zu sehen, die unterschiedlichen Perspektiven der beteiligten Akteur*innen wahrzunehmen – sei es beispielsweise bezogen auf eine Beratungssituation in einem sozialen Dienst, eine Unterrichtsstunde im Sport oder bezogen auf Arbeitszusammenhänge in einem Unternehmen – die Details einer Sache zu sehen und zugleich die verschiedenen gesellschaftlichen, politischen, institutionellen Strukturen, die den Rahmen bilden.

 

- Geduldig nachdenken meint, geduldig nach Erklärungen für ein Phänomen zu suchen, Zusammenhänge zu analysieren und, um eine Sache zu verstehen, auch ungewöhnliche Lesarten zuzulassen. Und wenn die bisherigen Theorien zur schlüssigen Erklärung nicht ausreichen, gilt es, sich auf neues Terrain an Erkenntnissen einzulassen. Das braucht Beharrlichkeit, Zeit und den Mut, ausgetretene Denk-Pfade zu verlassen und im Diskurs gemeinsam mit anderen intellektuelles Neuland zu betreten.

 

- Sich nicht dumm machen lassen meint, sich im Studium wie im späteren Umgang mit dem dort Angeeigneten eine angemessene Skepsis gegenüber vorschnellen Erklärungen zu bewahren, sich von allzu offensichtlichen Plausibilitäten und ‚einfachen Wahrheiten‘ nicht beeindrucken zu lassen, vielmehr eigenständig und mit wachem Sinn zu überlegen, bevor man einfachen Erklärungen folgt. Und hierbei gilt es auch die Bedingungen mit zu bedenken, unter denen Wissen produziert wird und Erklärungen zustande kommen. Letztlich geht es im Studium neben dem Erwerb von Wissen und Fertigkeiten um die Aneignung dieser systematischen Reflexion. Das macht das Studium spannend, eröffnet den Zugang zu Neuem und legt eine produktive Grundlage für eine berufliche wie gesellschaftliche Zukunft.

Hier haben Sie ein kostbares Gut in Ihrem Studium erfahren können. Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich dieses für Ihre Zukunft bewahren.

 

Mit dem Eintritt in den beruflichen Alltag hört man manchmal, dass zwischen dem, was Sie sich in Ihrem Studium angeeignet haben, und dem, was im ‚richtigen Leben‘ der Berufspraxis gefragt ist, ein gewaltiger Unterschied bestünde. Ja. Zwischen Studium bzw. Wissenschaft und der Handlungspraxis besteht ein Unterschied. Dies ist ebenso richtig wie notwendig. Es braucht in der Wissenschaft wie im Studium Räume, die handlungsentlastet sind, Experimentierräume frei vom Druck, sofort und konsequenzenreich handeln zu müssen. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hätte. Ich wünsche Ihnen, dass Sie das, was Sie sich im Studium angeeignet haben, Ihr Wissen, Ihr Können, Ihre analytischen und sämtliche in Ihrem Studium erworbenen Fähigkeiten produktiv und vielfältig nutzen können. Bringen Sie dieses mutig und überlegt in ihren beruflichen Alltag ein. Sie werden erstaunt sein, wie viele Bezüge Sie finden werden.

 

Das lateinische Verb ‚absolvere‘ bildet den Wortstamm des Begriffs Absolvent*in und meint u.a. ‚loslösen‘, sich befreien. Ich möchte dies erweitern: Loslösen und in Verbindung bleiben. Wir laden Sie herzlich ein, weiterhin mit uns in Verbindung zu bleiben, mit Ihrer Universität, mit Ihrem Institut und Ihrem Studiengang. Dafür bieten sich unterschiedliche Möglichkeiten an, nicht zuletzt die verschiedenen Alumni-Programme der Bergischen Universität Wuppertal oder die Alumni-Aktivitäten auf Instituts- oder Studiengangsebene. Loslösen und in Verbindung bleiben. In diesem Sinne: Bleiben Sie uns verbunden – wir würden uns sehr freuen.

 

Liebe Absolvent*innen, ich beglückwünsche Sie noch einmal zu Ihrem Studienabschluss und wünsche Ihnen für Ihre Zukunft von Herzen alles Gute!

 

 

Ihre Prof. Dr. Gertrud Oelerich

Grüße und Glückwünsche aus der Uni